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Das Ausbildungszentrum eines FlaRakRgt (HAWK)

20.09.2009 18:58 von Jens Joel (Kommentare: 1)

Truppenpraxis, Heft 4, 1968

Hauptmann Koppe behandelt in seinem Beitrag ein Problem, das innerhalb der HAWK - Waffe zu einem wirklichen „Gespräch" geworden ist: die fachliche Grundausbildung des Nachwuchses.

Sie bereitet besondere Sorgen, weil
  • die finanzielle Beengtheit des Verteidigungshaushaltes nur sparsame Lösungen zulasst und
  • der relativ hohe Anteil an Wehrpflichtigen bei hohen Regenerationsquoten einen ständigen Ausbildungsbedarf auslöst.

Jeder Lösungsvorschlag für dieses Ausbildungsproblem hat folgende Voraussetzungen zu berücksichtigen:

  • Es sind keine besonderen Ausbildungsbatterien vorzusehen. Alle Kampfbatterien stehen mit drei Kampfbesatzungen (KB) im Luftverteidigungseinsatz.
  • Für die Ausbildung steht kein besonderes, ausschließlich der Ausbildung dienendes Gerät zur Verfügung.

Damit sind die deutschen HAWK - Bataillone in einer ungünstigeren Lage als die belgischen und niederländischen, die über besondere Ausbildungseinrichtungen zur fachlichen Grundausbildung ihres Nachwuchses verfügen.
Es ist zu begrüßen, dass ein Verband, der - was den Abschluss seiner USA - Ausbildung anbetrifft - innerhalb der Waffe zu den jüngeren zählt, sich zielstrebig und unter Berücksichtigung moderner Lehrmethoden dieses Problems angenommen hat. Es ist jedoch ernsthaft zu überprüfen, ob der vorgeschlagene Weg gangbar und zweckmäßig ist. Aus der Sicht eines Regimentkommandeurs der gleichen Waffe komme ich zu folgender Stellungnahme:

 

1. Sonderfall oder allgemein gültige Lösung?
Bereits das Vorwort der Schriftleitung sagt dazu aus, dass die Lösung einen Sonderfall betrifft: es handelt sich um einen Regimentsstab mit nur einem Bataillon.
Die gefundene Lösung ist im Normalfall (d.h. in einem Regiment mit drei Bataillonen) kaum anwendbar. Da der Lösungsvorschlag jedoch allgemein interessierende Ausbildungsprobleme aufwirft, halte ich es für nützlich, ihn unbeschadet dieser Einschränkung zu diskutieren.

 

2. Zum Auftrag des Regimentskommandeurs und seines ORE - Teams
Die Stellung des Regimentkommandeurs und sein Pflichtenkreis verblassen in der Darstellung des Autors ein wenig neben der Fülle von Ausbildungs- und Einsatzaufträgen der Bataillonskommandeure und Batteriechefs. Zugegeben: noch als Bataillonskommandeur sah ich selbst wie ihn die STAN des Jahres 1967 beschreibt:

  • Koordinieren und Überwachen der Ausbildung;
  • Überwachen der Herstellung und Erhaltung des personellen und materiellen Einsatzbereitschaft der unterstellten Bataillone (einschl. des Schießtechnischen Prüf- und Auswertegruppen = ORE - Teams).


Hierzu benötigt der Regimentskommandeur sein ORE - Team uneingeschränkt un in vollem Umfange.
Eine einfache Rechnung beweist diese Feststellung:

3 Bataillone mit je 4 Kampfbatterien
verfügen über 12 x 3 Kampfbesatzungen = 36 KB.

Jede KB ist jährlich zweimal durch das Regiment
zu überprüfen (ORE) = 72 Überprüfungen.

Jede Batterie ist jährlich einmal vor dem
Jahresschießen („Annual Service Practice"
= ASP) zu überprüfen (PRE ASP) = 12 Überprüfungen.

Insgesamt: 84 Überprüfungen

Hinzu kommen:

  • zu wiederholende Überprüfungen (bei Nichtbestehen);
  • Überprüfungen der materiellen Einsatzbereitschaft durch Geräteüberprüfungen (spot checks - command inspections);
  • Koordinierung der vier ORE - Teams des Regiments und Abstimmung der eigenen Ausbildung mit LwAmt und Raketenschießplatz (u.a. durch Teilnahme an Jahresschießen und taktischen Überprüfungen fremder Einheiten).


Das ORE - Team meines Regiments führte 1967 insgesamt 90 Überprüfungen durch (bei 4 Bataillonen mit 2 - 3 Kampfbesatzungen je Kampfbatterie). Auch ein Regiment mit nur einem Bataillon benötigt sein ORE - Team in erster Linie zur Ausbildungskontrolle seiner 12 Kampfbesatzungen und kommt auf einen Mindestsoll von 28 Überprüfungen. Ohne diese Überprüfungen kann der Regimentskommandeur bei der Eigenart unseres Waffensystems seinen STAN - Auftrag nicht erfüllen.

Da Überprüfungen zeitlich oft nicht vorgeplant werden können, ist der Einsatz des ORE - Teams im Ausbildungszentrum daher nur auf Kosten der ständigen Ausbildungskontrolle möglich.
Hier muss ich erhebliche Bedenken anmelden. Hinzu kommt, dass Bundesfinanzministerium und Bundesrechnungshof sich in besonderer Weise für Einheiten und Teileinheiten interessieren, die zu ihren eigentlichen Aufgaben Nebenaufträge übernehmen können.

 

3. Braucht die Kampfbatterie eine Entlasung in der Ausbildung?
Mehrfach erwähnt vom Autor, dass seine Lösung eine Entlastung der Kampfbatterie ermöglicht, weil diese Einheiten keine Ausbilder zu stellen brauchen. Das ist sicherlich richtig, denn die Last der fachlichen Grundausbildung liegt beim ORE - Team des Regiments, zum Teil auch bei der Stabsbatterie des Bataillons. Aber es stellt sich doch die Frage, ob die Kampfbatterien diese Entlastung dringend benötigen und der Verlust einer wirksamen Ausbildungskontrolle durch das Regiemtn nicht ein zu hoher Preis für diesen vermeintlichen Vorteil ist.
Die Beantwortung der gestellen Frage wird durch die folgenden Überlegungen erleichtert:

 

3.1. Die Ausbildung ist eine wesentliche Funktion jeder Einheit. Unter den mehr als 40 Unteroffizieren jeder Kampfbatterie gibt es erfahrungsgemäß geeignete Dienstgrade in ausreichender Zahl, die nicht nur als Bediener und Wartungsmann, sondern auch als Ausbilder gefordert werden wollen und sollen. Wo dieser Wunsch nicht mehr spürbar ist, fehlt den Unteroffizieren etwas Wesentliches: der Wille zur Bestätigung als fachlich Vorgesetzte.

 

3.2. Die Luftwaffe kennt eine der Eigenart iher Verbände entsprechende Aufteilung der Ausbildung auf verschiedenste Ausbildungseinheiten und Schulen (Lw - AusRgt, RakSLw, Techn. Schulen usw.). Diese Lösung bringt Vorteile, aber auch Nachteile. Sicherlich kann die Ausbildung in einem besonderen Lehrgang hier und da qualitativ bessere Ergebnisse bringen. Wesentlicher Nachteil bleibt jedoch, dass der Soldat - vor allem der Wehrpflichtige - erst spät in seine Einheit kommt und das Gemeinschaftserlebnis sich hier oft nicht mehr stark genug entwickeln kann. Eben dieses Erlebnis formt aber eine Kampfbesatzung. 8 von 10 befragten Soldaten bestätigen, dass eine harte allgemein Grundausbildung als positiv bewertet wird, eine vorwiegend auf den Einzelnen abgestellte Lehrgangsausbildung (in- und außerhalb der Truppe) dagegen nicht annähernd das gleiche Echo findet. Der junge Soldat vermisst nach dem Gemeinschaftserlebnis „Grundausbildung" eine in gleicher Weise geführte fachliche Grundausbildung, wie sie die normale AAP - Ausbildung kleiner Gruppen und einzelner Soldaten in der Truppe niemals sein kann und auch das Ausbildungszentrum letztlich nicht vermittelt.
Die Ausbildung im Ausbildungszentrum ist doch vorwiegend auf den einzelnen Soldaten und seine individulle Leistung abgestimmt. Sie wird in der AAP - Ausbildung in den Kampfbatterien abgeschlossen und führt erst auf Umwegen und verspätet zur Gemeinschaftsausbildung in der Kampfbesatzung.
Diese Überlegungen haben mich veranlasst, in meinem Regiment einer Ausbildung den Vorzug zu geben, die jeder Kampfbatterie - unter Aufrechterhaltung des Einsatzauftrages des Bataillons - die Möglichkeit gibt, über einen Zeitraum von 6 - 8 Wochen schwerpunktmäßig ihren eigenen Nachwuchs für einen längeren Zeitraum auszubilden. Darüber werde ich in einem besonderen Beitrag später berichten.

 

4. Ist die Ausbildung im Ausbildungszentrum vom Zeitaufwand her vertretbar?
Die Ausbildung im Ausbildungszentrum dauert 4 - 6 Wochen. Ihr Ziel ist „soweit im Ausbildugszentrum durchführbar, das Erreichen der Ausbildungsstufe 8" (Koppe).
Diese Stufe kann im Ausbildungszentrum mit Sicherheit nicht erreicht werden, weil wesentliche Themen erst in den Kampfbatterien abgehandelt werden können. - Ein überschlägiger Zeitplan wird etwa wie folgt aussehen:

  • Ausbildung im Ausbildungszentrum 4 - 6 Wochen
  • Zusätzliche Ausbildung in der Kampfbatterie einschl. AAP - Prüfung 3 - 4 Wochen
  • Zusatzausbildung in der Kampfbesatzung bis zu ORE-Reife der Kampfbesatzung 4 Wochen

insgesamt 11- 14 Wochen

Da jeweils nach 12 Wochen bis zu 4 Soldaten je Kampfbesatzung ihre Ausbildung im Ausbildungszentrum beginnen, bleibt es für jede KB bei einer kontinuierlichen Nachwuchsausbildung.
Mit solchen KB sind hohe Ausbildungsleistungen kaum erreichbar.
Ein überdurchschnittlicher Ausbildungsstand aber ist Voraussetzung für eine ständig befriedigende Leistung.
Ich habe festgestellt, dass bei normaler Gerätelage eine geschlossene AAP - Ausbildung in einer Kampfbatterie nach 4 - 6 Wochen abgeschlossen und nach Ablauf weiterer 4 Wochen eine einsatzbereite KB aufgestellt sein kann,die dann bereits in 8 - 10 wöchiger Ausbildungspraxis zusammengewachsen ist.
Ich halte daher die auf Ausbildungszentrum und Kampfbatterie aufgeteilte Ausbildung, was den Zeitbedarf anbetrifft, für zu aufwendig.

 

5. Das Ausbildungszentrum - ein Infrastrukturproblem
Es gibt keine militärische Forderung, die für einen Regimentsstab ein besonderes Ausbildungsgebäude vorsieht, sodass es z.Z. einige Schwierigkeiten bereitet, kleinere Lehrgänge auf Regimentsebene durchzurführen. Das gilt bereits für Unteroffizieranwärter - Lehrgänge auf Regimentsebene, wie viel mehr für ein Ausbildungszentrum.

 

6. Zur „Programmierten Ausbildung"
Zur endgültigen Beurteilung der „Programmierten Ausbildung" innerhalb der HAWK - Ausbildung reicht die Darstellung von Hauptmann Koppe nicht aus. Es fehlen u.a. auch Daten, die den besonderen Wert dieser Ausbildungsmethode belegen können (Ausbildungsergebnisse).
Es ist jedoch eindeutig positiv zu beurteilen, dass der ernsthafte Versuch unternommen wurde, eine modere Ausbildugsmethode in den Dienst der militärischen Ausbildung zu stellen. Wie auch immer eine endgültige Lösung aussehen mag: ich bin sicher, dass auch Ausbildungsprogramme und Lehrmodelle ihren Platz in dieser Ausbildung finden werden.
Ohne den eigentlichen Ausbildungsablauf aus eigener Kenntnis beurteilen zu können - es wird meines Wissens z.Z. in keinem HAWK - Ausbildungszentrum ausgebildet - möchte ich jedoch einige mir wichtig erscheinende Gesichtspunkte herausstellen:

6.1. Kein Lehrmodell kann das Originalgerät ersetzen. Zu lange Beschäftigung mit einem Lehrmodell, das nur wenige Funktionen des Originalgeräts darstellt, ermüdet und bedeutet Zeitverlust.

 

6.2. Es gibt in der HAWK - Ausbildung wichtige Ausbildungsgebiete, die neben dem Modell von Anfang an das Originalgerät erfordern (z.B. die Wartung des Geräts und alle mit dem beweglichen Einsatz zusammenhängenden Einzelthemen). Auch ist die Stellung der eigenen Kampfbatterie für die Ausbildung „Sicherung der Stellung" geeigneter als jede noch so gute Ausbildung im Ausbildungszentrum.

6.3. Querausbildung („cross training") sollte erst dann einsetzen, wenn der Soldat eine Funktion theoretisch und praktisch voll beherrscht. Sie gehört daher eindeutig in die Ausbildung der Kampfbatterie.

6.4. Ich vermisse in der Ausbildungsplanung die Kraftfahrausbildung, die für einen Teil des Nachwuchses mit Beginn des 4. Dienstmonats anlaufen muss.

 

6.5. Zu hohe Ausbildungsziele (wie Waffenausbildung für das gesamte Personal, abgeschlossene ABC - Abwehr - Truppenführerausbildung) sollten auch in der Planung nicht gestreckt werden.

 

7. Abschließende Beurteilung
Die vorgetragene Möglichkeit einer Nachwuchsausbildung mit Ausbildugszentum und programmierter Ausbildung ist ein Sonderfall, für den es in anderen Regimentern keine Voraussetzung gibt. Dennoch ergeben sich wichtige Erkenntnisse, die einer endgültigen Lösung des Problems „Nachwuchsausbildung" nutzbar gemacht werden sollten. Hierzu im einzelnen:

 

7.1. Das ORE - Team eines HAWK - Regiments hat vornehmlich Ausbildungskontrolle zu leisten und ist mit diesem Auftrag so gut wie ausgelastet. Es kann für ein Ausbildungszentrum nicht verfügbar gehalten werden.

 

7.2. Die Infrastruktur eines FlaRakRgt bietet keine Möglichkeit einer zentralen Fachausbildung (HAWK).

 

7.3. Es gibt nur wenige gangbare Wege einer fachlichen Grundausbildung für HAWK - Batterien. Der von Hauptmann Koppe vorgestellte Weg erscheint nicht gangbar.

 

7.4. Die programmierte Ausbildung gibt der Nachwuchsausbildung in den Kampfbatterien - und für eine solche werden wir uns letztlich entscheiden müssen - bessere Möglichkeiten und neue Impulse.

7.5. Der Inspizient unserer Waffe sollte die positiven Ergebnisse des Ausbildungsversuches „Ausbildungszentrum HAWK" - vor allem die erarbeiteten Ausbildungsprogramme und Lehrmodelle - in einem „Hinweis für die Ausbildung" veröffentlichen und damit allen Verbänden zugänglich machen.

 

 

Oberst Werner Meng

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Kommentar von Albert Zimmermann | 21.04.2013

Ich war Wehrpflichtiger in der 2. Batterie von 1965 bis 1966. Die Batterie wurde damals geführt von Hauptmann Köster. Ich selbst war VU und am Ende Unteroffiziersanwärter, und so bin ich auch entlassen worden. Mich würde sehr interessieren, was aus meinen Kumpels und Stubenkameraden geworden ist. Zwei Namen habe ich noch präsent: Zinn, Steinmetz aus Heide. Ein weiterer hieß Niesar.

Beste Grüße, Albert Zimmermann