Dies & Das

02.01.1968, ein Neuanfang

25.03.2007 21:39 von Jens Joel (Kommentare: 0)

Ich stehe vor dem schwarzen Brett und lese die Aushänge. Als „Wiedereinsteller" - die ersten zwei Jahre hatte ich beim Heer zugebracht - versuche ich mich schlau zu lesen. Nach über 2 Jahren Abstinenz vom Bund habe ich so einiges vergessen. Trotzdem ist mir nicht alles fremd. Nur der Stil der Aushänge ist ungewohnt und die Namen unbekannt.

Parole. Ich werde kurz vorgestellt. Neugierige Blicke. Nun ja, einen HGUA hat es in dieser Einheit wohl noch nicht gegeben. Mein heereseigentümliches, zackiges Auftreten erregt Aufmerksamkeit. Ich bin ein wenig unsicher, ob Anerkennung oder eher Belustigung dahinter steckt. Dann erscheint der Batteriechef, ein Mann, vor dem man mich bereits gewarnt hat. „Extrem gefährlich und immer mit einer Strafe zur Hand", so wurde es mir von den anderen UAs zugetragen. Alles verkrümelt sich auf die Dienstzimmer, jeder hat plötzlich etwas zu tun. Ich melde mich und bin auf der Hut. Wie eigentlich erwartet, verläuft der erste Kontakt ohne Probleme. Trotzdem bin ich erleichtert, dass ich die Höhle des Löwen ungeschoren verlassen habe.

Dann erscheint Lt. Hämmerlein, ein Neuer wie ich, und nur wenig länger in der Batterie. Ich erfahre, dass wir in die Stellung hinausfahren werden. Er hat den Auftrag erhalten, mir das System zu zeigen. Ein MAN fährt vor und wir sitzen im Führerhaus auf. Ein paar weitere Jungs müssen es sich auf der Ladefläche „bequem" machen. Die Straßen sind arg verschneit, es ist bitterkalt. Die Türen schließen nicht richtig, es zieht an allen Ecken und Kanten. Aber ich wollte das ja so. Endlich raus aus dem Alltag eines Elektroinstallateurs. Jeden Tag dieselben Kunden, dieselbe Arbeit, derselbe Ärger, wenig Geld. Da stand mein Entschluss fest. Ich gehe zurück zum Bund. Also begann ich, Erkundigungen über interessante, im technischen Bereich tätige Einheiten einzuziehen. So geriet ich an einen HFw beim S1 in Kellinghusen, wo eine Raketeneinheit des Heeres lag. Dieser hörte mir aufmerksam zu und sagte am Ende meiner Ausführungen: „Schauen Sie, wir haben zwar eine Rakete, die „Honest John", aber die wird in den Baum gehängt. Dann kommt einer mit einer Fackel und zündet sie an, und dann fliegt sie solange, bis sie runter fällt. Was Sie brauchen, ist etwas ganz anderes. Gehen Sie zur Luftwaffe. Dort gibt es Raketeneinheiten mit lenkbaren Raketen und langen Lehrgängen in den Vereinigten Staaten. Wir können zwar jeden Mann gebrauchen, aber das kann ich Ihnen nicht antun". Ich bin dem Mann noch heute dankbar.

Also fuhr ich ein paar Orte weiter und landete in Krummenort. Auch dort hörte man mir aufmerksam zu und bestätigte die Aussagen des HFw aus Kellinghusen, zumindest was seine Aussagen bezüglich der Lenkraketen und Lehrgänge betraf. Auch dort herrsche eine extreme Personalknappheit, bekam ich zu hören, und dass man über meine Absicht, in ihrem Verband Dienst zu tun, sehr erfreut sei. Mit diesen Informationen versehen setzte ich mich am selben Abend noch einmal mit meiner Frau zusammen und überlegte, was zu tun ist. Mein Entschluss stand eigentlich längst fest, und nachdem ich ihr ein paar Einzelheiten über die Aufenthalte in den Vereinigten Staaten erzählt hatte, sprang der Funke über. Der Rest war Formsache. Nach erfolgreicher Bewerbung und dem Gesundheits-Checkout an der Freiwilligen-Annahmestelle in Hannover erhielt ich meine Einberufung zur 1./FlaRakBtl 38 nach Husum.

Und nun bin ich wieder Soldat. Diesmal zwar in Blau statt Feldgrau, aber dafür mit - wie ich glaube - besten Zukunftsperspektiven. Gott sei Dank bin ich nicht wieder beim Heer gelandet, schießt es mir noch einmal durch den Kopf. Zwei verlorene Jahre. Zum wiederholten Male kommt in mir die Erinnerung an den Wutausbruch meines damaligen KpChefs hoch, der mich am liebsten degradiert hätte und mir nahe legte, mich aufgrund meines Fehlverhaltens zu füsilieren. Dabei hatte ich nicht mehr und nicht weniger verbrochen, als an einem Hähnchenessen im Kreise des Uffz-Korps nicht teilzunehmen. Ich schaue mich noch einmal um - es ist alles real. Dieser Teil meines Lebens gehört der Vergangenheit an.

Wir fahren in den Ort Rantrum ein, als der MAN zu stottern beginnt. Vom Schicksal geleitet, schaffen wir es noch bis zur Gaststätte in der Ortsmitte, dann geht nichts mehr. „Kein guter Winterdiesel", höre ich den Fahrer sagen, dann sitzen wir ab. Leutnant Hämmerlein entscheidet kurz und knapp: „Wir trinken jetzt erst mal einen Grog". Während der Fahrer die Schirrmeisterei per Telefon informiert, fährt der Wirt den ersten Grog auf. Durchgefroren, wie wir sind, ist er sehr angenehm. Verständlicherweise bleibt es nicht bei diesem einen. Etwa zwei Stunden später ist der Ersatz-LKW da und wir verlassen die gastliche Stätte. Mir ist ein wenig schwindlig. So hatte ich mir meinen ersten Tag nicht gerade vorgestellt, enttäuscht bin aber auch nicht gerade. Wenn das der Stil in der Einheit ist, überlege ich, kann das alles gar nicht so schlimm werden.

Nachdem wir die Treene überquert und Schwabstedt hinter uns gelassen haben, kommt endlich der große Moment: Wir nähern uns der Stellung. Noch ein paar Kurven den Berg hinauf, dann stehen wir vor einem riesigen Tor. Ein Wachtposten fordert die Ausweise, dann dürfen wir passieren, nachdem „mein Leutnant" für mich gebürgt hat.


Saludos,

Wolfgang Preising

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