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1945 – 1966: Luftverteidigung des Abschnitts "Europa – Mitte"

29.07.2007 19:16 von Jens Joel (Kommentare: 0)

Das Problem der Raketenabwehr

Truppenpraxis, Heft 10, Oktober 1966

Das Problem der Raketenabwehr


Neben der Tieffliegerabwehr stellt die Abwehr von Boden/Boden - Raketen heute die militärischen Planer vor Probleme, die zu den technisch schwierigsten und zugleich kostspieligsten in der Militärgeschichte gehören. Amerika steht 1966, wie die „Interavia" im Februarheft 1966 schreibt, vor der Entscheidung, für die Verteidigung der wichtigsten Wohn- und Wirtschaftszentren der USA das Fernwaffenabwehrraketen - System „Nike - X" in Auftrag zu geben. Dieses System besteht aus der Rakete „Nike - Zeus" und der Kurzstrecken - Abfangrakete „Sprint", die aufgrund ihrer hohen Beschleunigung die für größere Reichweiten bestimmte „Zeus" ergänzen soll.

Hierzu schreibt am 3.5.1966 die „Welt":

Radarleitoffizier und Gehilfe bei der Arbeit„Der Rüstungsausschuss des amerikanischen Senats hat für Vorbereitungen zum Bau von Raketenabwehr - Raketen 168 Millionen Dollar bewilligt, obwohl Verteidigungsminister McNamara dies nicht beantragt hatte ... McNamara möchte die Entscheidung, ob die Vereinigten Staaten antiballistische Raketen bauen sollen, mit Rücksicht auf die vielfältigen Aspekte des Problems zunächst auf ein Jahr verschieben. Der Minister hält die 400 Millionen Dollar, die er für Forschungszwecke auf diesem Gebiet im neuen Etat vorgesehen hat, vorläufig für ausreichend. Der Senat dagegen fürchtet, das verlorene Jahr könnte eines Tages schwerwiegende Folgen haben ... Die militärische Führung Amerikas verlässt sich nach wie vor auf die Abschreckung, die ihr imposantes Arsenal von zur Zeit 1442 Interkontinentalraketen darstellt. Wie McNamara berichtete, wird sich die Zahl bis zum nächsten Jahr auf 1719 erhöhen."

Die Kosten, um das „Nike - X" - System militärisch voll operationsfähig zu machen, werde auf zwanzig Milliarden Dollar geschätzt („Welt" - Meldung vom 22.4.1966).
Im zuvor erwähnten Aufsatz der „Interavia" wird abschließend gefragt:

„Wie aber steht es nun mit der Verteidigung der westeuropäischen Wohn- und Wirtschaftszentren gegen das sowjetische Fernwaffenpotential , das man zur Zeit auf nahezu tausend Raketen kürzerer und mittlerer Reichweite schätzt? Will man die Städte der NATO - Staaten ohne ausreichenden Schutz gegen diese Drohung lassen? Sofern sich die USA zur Einführung von „Nike - X" entschließen, müssen sie dieses System auch ihren europäischen Verbündeten zugänglich machen, falls sie sich nicht dem General de Gaulle bereits erhobenen Vorwurf aussetzen wollen, sie seien lediglich an der Verteidigung des eigenen Territoriums interessiert ... Immerhin würde sich die „Sprint" zur Verteidigung westeuropäischer Städte gegen sowjetische MRBM (Medium Range Ballistic Missiles) vorzüglich eignen, und man vermutet, dass die Vereinigten Staaten, wenn sie für ihr eigenes Gebiet „Nike - X" beschaffen, den europäischen NATO - Ländern gleichzeitig „Sprint" mit MAR- und MSR- Geräten (Multiple - function Array Radar und Missile Site Radar) anbieten."
Interessante Details des „Nike - X" Systems beschreibt der Militärkorrespondent der „Welt", Adalbert Bärwolf, am 24.4.1966.


Hiervon seien nur zwei herausgegriffen:

Dreistufige Feststoffrakete mit Atomsprengkopf - Nike - Zeus„... Da die zum „Nike - X" - System gehörenden Raketen „Sprint" die feindlichen Kampfspitzen nur Sekunden vor dem Erreichen des Ziels in der Atmosphäre mit Atomexplosionen abfangen würden, müssten zum Schutz der eigenen Bevölkerung ausreichend Strahlungsschutzbunker zur Verfügung stehen ... Herz des seit 1964 in White Sands in New - Mexiko getesteten „Nike - X" - Systems ist ein revolutionäres Radar, das keine beweglichen Teile hat. Der Radarstrahl wird, im Gegensatz zu konventionellen Geräten, elektronisch gesteuert. So sind Richtungsänderungen blitzschnell möglich. Das „Nike - X" - Radar kann gleichzeitig die angreifenden Raketenspitzen orten und verfolgen, zwischen „echten" und „unechten" Gefechtsköpfen unterscheiden, sowie die Anti - Raketen ins Ziel führen."

Aus Moskau meldete zu diesem Fragenkomplex die Nachrichtenagentur „Associated Press" am 20.4.1966:

„Vermutlich werden die Sowjets bei der Entwicklung ihrer Anti - Raketen - Raketen den gleichen technischen Stand erreicht haben wie die Vereinigten Staaten. Bei Versuchen über dem Stillen Ozean haben die Amerikaner bewiesen, dass sie eine Abfangrakete bauen können. Die großen Bauten, die jetzt bei Moskau und Leningrad zu sehen sind, beherbergen wahrscheinlich die elektronischen Anlagen, die solches System für die Erkennung anfliegender Raketen und für die Heranführung der Abwehrraketen an ihre Ziele benötigt. Diese Anlagen können nicht wie die Abschlussvorrichtungen unter die Erde verlegt werden." Unter der Überschrift „Malinowskis Blauer Gürtel (womit die russische Raketenverteidigung gemeint ist. Anm. d. Verf.) und das Atom - Patt" schreibt zu diesem Fragenkomplex Edward Wegener am 15.5.1966 in der „Sonntagszeitung":
„McNamara lehnt eine Raketenverteidigung mit folgendem überzeugenden, für sein Denken typisches Argument ab: Die für ein verteidigtes Ziel vorgesehene Raketenzahl lässt sich - zwecks Übertrumpfung der Verteidigung - mit geringeren Mitteln erhöhen als die Verteidigung kostet. Mit anderen Worten: Dort, wo die Sowjets eine Antiraketen - Verteidigung aufbauen, machen die USA diese durch ein Mehr an Raketen gerade gegen dieses Objekt wett. Eine nächste Runde im Atomduell findet also nicht - oder besser gesagt - noch nicht statt."
Wird Europa ein Raketenabwehrsystem erhalten?


Die „Welt" meldete am Dienstag, den 9.11.1965 (lt. dpa): Über einen Plan, die Bundesrepublik in ein gemeinsames westliches Luftverteidigungsraketensystem als Alternative zu einer Beteiligung an einer alliierten nuklearen Einsatzplanung einzubeziehen, berichtete die „New York Herald Tribune" am Montag in ihrer Pariser Ausgabe. Das Projekt soll, wie das Blatt aus gut unterrichteten Quellen erfahren haben will, bei einem deutsch - amerikanischen Gespräch in Berlin erörtert worden sein." Dieses Projekt dürfte allerdings in ferner Zukunft liegen: „Erst im Jahre 1980 wird nach Ansicht des Staatssekretärs im Bundesverteidigungsministerium, Gumbel, eine wirksame Abwehr gegen sowjetische Mittelstreckenraketen in Westeuropa möglich sein" (dpa/upi - Meldung vom 22.4.1966 ferner auch „Spiegel" Nr. 19/66 vom 2.5.1966 S. 38)

Schlussbetrachtung

Die Erklärung des französischen Staatspräsidenten General de Gaulle, vom 21. Februar 1966 ließen Frankreichs Absicht endgültig erkennen, das integrierte Bündnissystem NATO durch bilaterale Militärabkommen zu ersetzen. Eine Luftverteidigung also ohne Integration? Die Krise ist offenbar geworden. Wie kam es hierzu und wohin steuert die Luftverteidigung? Hier seien im Folgenden chronologisch Presseveröffentlichungen zitiert, welche die Zuspitzung der Krise bis zum Sommer 1966 verdeutlichen mögen.

Am 14.11.1959 meldete die „Süddeutsche Zeitung" unter der Überschrift „De Gaulle gegen Militär - Integration":

Multiple-function Array Radar (MAR) auf der White Sands Raketenabschussbasis in New Mexico„Der Staatspräsident sieht die militärische Integration - wie sie in der NATO angestrebt wird - als überholt an und vertritt die Ansicht, dass Frankreich eine eigene Landesverteidigung haben und gegebenenfalls einen eigenen Krieg führen müsse". Am 12.9.1965 schrieb der Militär- und Frankreichkorrespondent der „Welt", Lothar Ruehl (viel zitiert als militärischer Fachmann in der „Starfighter" - Bundestagsdebatte am 24.3.1966): „Bisher hat Frankreich an der Integration der Luftverteidigung mitgewirkt... Auch die französische Mitwirkung an dem neuen NATO - Luftwarn- und Abwehrführungssystem NADGE deutet zumindest nicht auf eine Entschlossenheit Frankreichs zum Bruch hin. Die NATO kann mangels einer Alternative auch keine wesentlichen Zugeständnisse an Frankreichs nationale Luft- und Wehrhoheit machen: Die Alternative heißt in der Luftverteidigung Chaos..."
Am 9.12.1965 präsentierte Ruehl in der „Welt" unter der Überschrift: „Wie sähe eine NATO ohne Frankreich aus?" die Folgen eines französischen Rückzugs aus der Luftverteidigung Mitteleuropas: „... ein ähnliches Problem stellt der „Nike" - Luftabwehrriegel in Deutschland. Auch dort würde der französische Abzug aus dem integrierten NATO - Befehlssystem eine Lücke reißen. Es ist wie bei den Überschall - Flugzeugen unmöglich, etwa französische (oder andere) Fla - Raketen - Rampen außerhalb der gemeinsamen Planung, Radar- und Funktionsführung, Kontrolle, Einsatzleitung und Ausbildung zu belassen. An Stelle der Franzosen müssten andere Alliierte zwei neue „Nike" - Bataillone stellen, um die Lücke zu schließen - es sei denn, der Riegel würde „gestreckt", also geschwächt.
Da allein schon die bewegliche Ausstattung einer einzigen „Nike" - Batterie - ohne die Geschosse - etwa 7,2 Millionen Mark kostet, würde der Ausfall der beiden französischen Bataillone wenigstens 56 Millionen Mark kosten, denen noch für die Geschosse selber (300 000 Mark je Stück) rund 65 Millionen zuzuschlagen sind. Schließlich müssten die drei „Hawk" - Tieffliegerabwehr - Raketenbataillone, die Frankreich zur Zeit für die NATO aufstellt, im ersten Luftabwehrriegel in der Bundesrepublik ersetzt werden. Auch sie könnten nicht selbstständig in der Landschaft stehen, wenn sie der gemeinsamen Luftabwehr nützlich sein sollen. Eine finanziell und organisatorisch noch größere Belastung der übrigen Partner würde der Ausfall des mit französischem Personal besetzten Luftabwehr - Führungszentrums im elsässischen Drachenbronn bewirken. Es handelt sich dabei um das „Sektorenkommando" für den südlichsten der vier NATO - Luftverteidigungsbereiche im Abschnitt Europa - Mitte, das die gesamte Luftabwehr in Südwest- und Süddeutschlands bis zur tschechischen Grenze leitet. Sein Verantwortungsbereich liegt fast ausschließlich auf deutschem Boden. Hier würde die Bundesrepublik mehr als jedes andere Land betroffen, und deutsche Verteidigungsinteressen stehen hier unmittelbar auf dem Spiel. Die teure elektronische Einrichtung dieses Sektorenkommandos wurde von Frankreich finanziert, aber ihre laufende Modernisierung wird von den beteiligten Staaten gemeinsam bezahlt, und es handelt sich um gemeinsames Eigentum..."


Lightning P1 der Royal Air Force Germany - England wird im Gegensatz zu Frankreich seine Abfangjäger der Mach-2 Klasse nicht aus Deutschland abziehenAn der integrierten Luftverteidigung nimmt laut dem zitierten „Welt" - Artikel vom 9.12.1965 Frankreich bisher aktiv mit dem Sektorenkommando Drachenbronn, den beiden Jagdgeschwadern des 1. CATAC (zusammen etwa 50 „Mirage - III" - Jäger) sowie mit zwei „Nike" - und drei „Hawk" - Bataillonen teil. Noch am 10.2.1966 meldete die französische Militärzeitschrift „Terre, Air, Mer" (TAM) durchaus natofreundlich: „Dans les rues de Munich, on pourra voir bientôt des soldats francais. Le 1er août, le 402e Régiment d'Artillerie Antiaèrienne, créé et stationé jusqu'ici à Kehl, fera mouvement dans la règion de Munich pour prendre la relève d'une unité HAWK américaine."
Nach den Erklärungen de Gaulle's vom 21. Februar 1966 wagt Lothar Ruehl in der „Welt" vom 8. März 1966 folgende Prognose: „Auch in gewissen technischen Integrationseinrichtungen, wie der Luftverteidigungsführung und dem Radar - Frühwarnsystem, will Frankreich in Zukunft weiter mitarbeiten - allerdings in einer Form, die sein Ausscheiden aus dem Integrationsverband deutlich macht. Hier dürfte es sich um einen symbolischen Auszug bei praktischer Mitarbeit handeln. Doch wird Frankreich im Gegensatz zu einer bei den Alliierten weit verbreiteten Annahme keinerlei Einheiten mehr unter NATO - Befehl belassen: weder Luftwaffengeschwader noch Fliegerabwehreinheiten." Lothar Ruehl hatte vorher in seinem Artikel vom 9.12.1965 festgestellt: „Die Geographie verschafft Frankreich Deckung und technischen Informationsnutzen ohne direkte Beteiligung."
Und doch hat die NATO mit der Luftverteidigung und dem darin integrierten NATO - Frühwarnsystem Frankreich gegenüber ein „Verhandlungsobjekt" in der Hand - die Luftverteidigung ist zum „Politikum" geworden. Am 18. März 1966 berichtete die „Welt" über einen Vortrag des CSU -Vorsitzenden Strauß in Hamburg: „Er (Strauß) vertrat die Ansicht, dass General de Gaulle gar nicht in der Lage sei, Frankreich völlig aus der NATO zu lösen. Kein Land in Europa könne heute noch eine eigenständige Luftverteidigung aufbauen. Falls de Gaulle auf das Luftwarnsystem mit den elektronischen Augen der NATO verzichte, werde sogar eine „Force de Frappe" blind." Ebenso wies der CDU - Fraktionsvorsitzende Barzel darauf hin, dass Frankreich für seine „Force de Frappe" auf das Luftaufklärungssystem der NATO angewiesen sei („Christ und Welt" am 25. März 1966).


Beleuchtungsradar einer HAWK-BatterieUnter der Überschrift „NATO - Reorganisation wird vorbereitet" schreibt Lothar Ruehl in der „Welt", schon optimistischer, am 5. April 1966: „Die Lücke in der Luftabwehr, die das Ausscheiden der französischen Verbände reißt, wird vom alliierten Luftwaffenkommando Europa - Mitte nicht als bedrohlich angesehen, da der Wert der französischen Verbände ohnehin in den kommenden Jahren rasch sinken wird und diese früher oder später hätten ersetzt werden müssen. Die US - Luftwaffe verfügt in der Bundesrepublik über genügend Fliegerabwehr - Raketeneinheiten, die an die Stelle der französischen treten können... Die militärischen Verhandlungen mit Frankreich werden vor allem die Benutzung des NATO - Radar - Frühwarnnetzes und des geplanten neuen Luftverteidigungs- Führungssystems NADGE durch Frankreich zum Gegenstand haben. Als Gegenleistung wird an die Benutzung französischer Lufträume durch die NATO gedacht." NADGE als Tauschobjekt also? Wolfgang Höpker schreibt am 15. April 1966 in „Christ und Welt": „De Gaulle's Mirage - Atombomber wären ohne das Frühwarnsystem und das vom nächsten Jahr an funktionsfähige Luftverteidigungs- Führungssystem der NATO nahezu wertlos. Hier liegt eine Trumpfkarte der Alliierten, die den General Tauschgeschäften zugänglich macht."
Die Luftverteidigung Zentraleuropas ist somit in den Strudel politischer Verhandlungen gerissen worden. Die Partner versuchen, ihren jeweiligen Trumpf hochzuspielen und die Karte des anderen möglicht zu entwerten. Lothar Ruehl berichtet am 20. April 1966 von der französischen Parlamentsdebatte über die NATO: „Der Premierminister machte einerseits das Recht Frankreichs als Bündnispartner auf die Informationen der alliierten Frühwarnsysteme gegen Luftangriffe geltend, wertet aber andererseits die Bedeutung solcher Informationen für die militärische Sicherheit des Landes sogleich wieder ab, indem er zu bedenken gab, das selbst Amerika nur bis fünfzehn Minuten Warnzeit gegen einen Raketenanflug hätte, während für Westeuropa diese Frist auf ein bis zwei Minuten zusammengeschrumpft sei. Die Radarfrühwarnsysteme gewährten eine gewisse Reaktionszeit ohnehin nur gegenüber „in normaler Höhe" anfliegenden Flugzeugen; schon gegen einen Tiefanflug seien sie unwirksam."
In die gleiche Richtung zielt die SAD - Meldung vom 24. April 1966: „Das Radarwarnsystem der europäischen NATO - Partner vor Fliegerangriffen weise, wie einst die Maginotlinie, an beiden Enden große Lücken auf. Diese Kritik an der NATO - Planung wird, wie die Londoner „Sunday Times" meldet, von französischer Seite geäußert. Französische Militärexperten seien der Meinung, dass das Radarsystem für Flugzeuge vor allem in den österreichischen und Schweizer Bergen gefährliche Angriffskorridore für Feindmaschinen aufweise und dass dieser Radarschirm in Italien ende und sich daher eine weiter Lücke ergebe."


HAWK LenkflugkörperJohannes Gross kontert in „Christ und Welt" vom 13.5. 1966: „Wenn von französischer Seite gesagt wird, so wie es Ministerpräsident Pompidou in der Nationalversammlung tat, dass amerikanische Gegenantwort der Nichtbeteiligung Frankreichs am Luftwarnsystem der NATO nur den Unterschied von zwei oder fünfzehn Minuten im Ernstfall bedeute, so ist das nicht ganz seriös. Viel wichtiger als dass die „Force de Frappe" vom Juli ab blind wird, könnte die Ausschließung Frankreichs von den Erkenntnissen der amerikanischen Satelliten sein."
Zum Abschluss seien einige Gedankengänge von Berthold Vombaur zitiert, die unter der Überschrift „Der NATO liebstes Kind" in der „Flugwelt" 11/65 erschienen sind und die eigentlich optimistisch stimmen sollten, denkt man an die zukünftige Mitarbeit Frankreichs in der integrierten Luftverteidigung: „Dies (die integrierte Radarüberwachung) ist ein Gebiet, auf dem z.B. auch Frankreich gerne mitmacht, sogar über die Grenzen der NATO hinaus. Die kürzliche Übereinkunft zwischen Frankreich und Spanien über den Austausch von Ergebnissen von Radarfachleuten spricht da eine beredete Sprache."


„.. So ist die Luftwaffe denn ihrem Wesen noch ganz allgemein der NATO liebstes Kind, das Unterpfand dafür, dass der Integrationsgedanke theoretisch richtig und praktisch durchführbar ist. An ihr sollten sich alle diejenigen aufrichten, die sich von den verschiedenen europäischen Einrichtungsbestrebungen so viel versprachen und denen die zögernde Entwicklung der letzten Jahre so viel Wind aus den Segeln genommen hat ... Im Rahmen der militärischen Luftverteidigung als NATO - Kitt durchaus geeignet. Es kann sich einfach kein Land leisten, auf die Vorteile der konzentrierten Radarüberwachung des gesamten NATO - Luftraumes zu verzichten und seinen Beitrag zu verweigern ..."
Warum ist die Luftverteidigung des Abschnitts Europa - Mitte so wichtig und heute in aller Mund? Die Luftverteidigung ist untrennbar mit dem Begriff der Abschreckung verbunden. Dazu schreib der amerikanische Militär - Theoretiker Henry A. Kissinger in seinem Buch „Die Entscheidung drängt" (Econ Verlag, Düsseldorf 1961): „Das Problem der Abschreckung ist in der Militärgeschichte neu. Bisher war es Aufgabe des Militärs, auf den Krieg vorbereitet u sein. Das Gefecht war der Prüfstein, der Sieg die Rechtfertigung. Der Begriff „Sieg" hat im atomaren Zeitalter jedoch seine traditionelle Bedeutung verloren. Der Kriegsausbruch gilt in immer stärkerem Maß als das größte Übel. Darum wird die Leistungsfähigkeit des Militärs an seiner Fähigkeit zu messen sein, den Frieden zu bewahren." Auch die passive Luftverteidigung, der Schutz vor Luftangriffen (und da die Aufgaben des Zivilen Bevölkerungsschutzes) wird von Kissinger angesprochen: „Keine der westlichen Nationen, die je darauf bauen, mit der Drohung nuklearer Vergeltung einen Agressor abzuschrecken, hat bisher (1961 - Anm. d. Verf.) auch nur die elementarsten Schritte eingeleitet, um ihre Bevölkerung gegen Atomangriffe zu schützen..."
Einiges ist immerhin seit dieser Zeit auf dem Gebiet geleitet worden - in den USA und Europa. Dieses sind Einsatzmerkmale der Luftverteidigung: „... erzielt der Verteidiger Abschreckungswirkung nur, wenn er in jedem denkbaren Augenblick zum Einsatz bereit ist. Langfristige Planung ist hier nur sinnvoll, wenn sie mit sofortiger Bereitschaft gekoppelt ist." „Abschreckung ist die Kunst, dem Gegner das Maximum an glaubwürdigem Risiko vor Augen zu halten." „Je stärker die Verbände der freien Welt sind, die begrenzte Kriege führen können, umso größere Anstrengungen müssen die Kommunisten machen, um sie schlagen zu können. Je größer der zum Sieg erforderliche Einsatz wird und je mehr er sich dem totalen Krieg nähert, umso stärker werden auch die Hemmungen sein, mit Feinseligkeiten anzufangen." „Die Unfähigkeit, jedes Gebiet örtlich zu verteidigen, ist keine Entschuldigung dafür, nicht wenigstens jene Räume zu sichern, wo das möglich wäre. Mindestziel einer örtlichen Verteidigung muss es sein, dem Gegner die Möglichkeit billiger Siege zu verschließen. Die optimale Lange wäre dort zu finden, wo eine Agression an Ort zu Stelle zurückgeschlagen werden kann. Das Letztere ist in Europa der Fall."


Hierzu leistet die integrierte Luftverteidigung des Abschnitts Europa - Mitte, deren wechselvolle Geschichte und gewisse Zukunft hier skizziert werden sollte, ihren Beitrag.

 

 

Hauptmann Wolfdieter Sommerfeldt

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