Dies & Das

Soldaten sehen sich als Figuren eines Schachspiels

02.10.2008 13:00 von Jens Joel (Kommentare: 0)

Waldeckische Landeszeitung vom 22.05.2003

AROLSEN-MENGERINGHAUSEN. Bestürzt haben besonders die betroffenen Soldaten, deren Angehörige und zivile Mitarbeiter der Luftwaffeneinheiten auf die Ankündigung reagiert, dass die Kaserne Mengeringhausen 2004 geschlossen werden soll. Besonders deswegen, weil der Umzug und der etliche Millionen Euro teure Umbau der Kaserne noch in vollem Gange sind.


Von den derzeit 420 bis 450 Soldaten auf dem Hagen sind bereits 30 Prozent in Bad Arolsen und Umgebung sesshaft geworden, wie Stabsfeldwebel Olaf Christian Tank vom Vorstand der Truppenkameradschaft der Luftwaffeneinheiten im Deutschen Bundeswehrverband gestern deutlich machte. Einige hätten schon Immobilien erworben. Im folgenden veröffentlichen wir auszugsweise eine Stellungnahme der Truppenkameradschaft, die die WLZ gestern am späten Nachmittag erreichte.
"Niemand in Bad Arolsen-Mengeringhausen hatte ernsthaft mit der Möglichkeit einer Verlegung der gesamten FlaRakGruppe nach Sanitz gerechnet, bzw. daran zu denken gewagt.

Auf Zusagen vertraut

Einige Soldaten haben - im Vertrauen auf die Zusagen von militärischer und politischer Führung betreffend einer deutlichen Stehzeit von acht bis zehn Jahren der Bad Arolser Staffeln - Immobilien beschafft, Wohnungen neu eingerichtet, ihre Ehepartner in das ohnehin keineswegs mit zahlreichen Alternativen ausgestattete Berufsumfeld Bad Arolsen gebracht, ihre Kinder in Kindergärten, Schulen und Ausbildungsbetrieben integriert.

Der Bundesminister für Verteidigung, Herr Struck, hat knapp geäußert, dass es nicht seine Aufgabe sei, die Kreise und Kommunen in Fragen der Wirtschafts-, Struktur- und Arbeitsmarktpolitik zu unterstützen, sondern eine rein an militärischen und finanziellen Zielen ausgerichtete Struktur der Bundeswehr erarbeiten zu erlassen und durchzusetzen.

Er habe auch seine Pläne nicht im Kabinett zur Diskussion und Verabschiedung stellen müssen, sondern sie nur zwecks Bekanntgabe und Information der einzelnen Ressort-Chefs vorgestellt. Seine Vorgaben würden jetzt von ihm umgesetzt.

Nach Auffassung des Vorstands der Truppenkameradschaft Bad Arolsen, die mit ca. 180 Soldaten nur knapp die Hälfte der Betroffenen als Berufsverband betreut, sich aber für die Interessen aller Soldaten am Standort verantwortlich fühlt, mag das oben geschriebene zutreffen, wenn man in einer isolierten Welt und Gesellschaft lebt. Aber in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, mit schwacher Wirtschaft, knappen öffentlicher Kassen (und bundeswehrspezifisch: teilweise veraltetem und mangelhaftem Gerät) lebt die Bundeswehr nicht allein irgendwo in der Landschaft.

Bundeswehr, Soldaten, Kommunen, Wirtschaft und Lebensqualität sind für Soldaten und Bevölkerung überaus wichtige Faktoren des Zusammenlebens, des Zusammenarbeitens und der Motivation - diese Eckpfeiler kann man nicht voneinander getrennt sehen.

Einem in der Verlegung befindlichen Verband wie eben die FlaRakGruppe 21, der ca. 450 Soldaten (und teilweise auch deren Freundinnen und Familien) von vier ehemals aufgelösten Standorten nach Bad Arolsen umstationiert, passiert nun Folgendes:
Den Soldaten wird man nicht erklären können, dass ihre Wohnungen noch nach frischem Tapetenkleister riechen müssen und man schon weiß, dass sich auf den gerade an die Wand genagelten Bilderrahmen kaum Staub ansammeln wird, weil schon die Rede vom neuerlichem Verlegen an einen anderen Standort ist.

Die Unterschriften unter die Ausbildungsverträge für die Kinder, Arbeitsverträge für die Ehepartner und Freundinnen, Kaufverträge für Häuser, Mietverträge für Wohnungen sind noch nicht getrocknet, die Umzugskartons noch gar nicht alle ausgepackt, die Küchen noch nicht eingeräumt, da kommt die Nachricht wie ein Faustschlag in den Unterleib, dass es bald wieder weiter nach Sanitz und Umgebung geht.

Wie ein Damoklesschwert sieht man als Soldat über sich die Vorstellung hängen von noch weniger Wirtschaftskraft, noch höherer Arbeitslosigkeit, noch höheren Mieten, jahrelangen Wochenendbeziehungen, stundenlangen Autobahn-Jagden zwischen den Staus hin und her, tagelangem Stumpfsinn, wenn die Familie zuhause gelassen werden muss und die Abende lang werden, den drohenden Beziehungskrisen, und für viele ist der Sprung mit der Familie nach Sanitz ein Weg ins Ungewisse - ohne große Perspektive für die Frau, für die Kinder.

Fürsorgepflicht

Der Bundesverteidigungsminister hat neben der politischen Führung der Bundeswehr eine weitere sehr wichtige Aufgabe: er hat für seine Soldaten, Soldatinnen und Bediensteten zu sorgen. Dies nennt man Pflicht zur Fürsorge. Weiterhin hat er als Dienstherr die Verpflichtung für Moral und Motivation seiner Männer (und Gottlob neuerdings auch Frauen!) in Uniform.

Aber wie kalt und nüchtern - ohne jemals sich an seine Soldaten direkt zu wenden oder sie als Personen zu betrachten - er hier die Motivation, Einsatzbereitschaft und das private Wohlergehen sowie die Ehre der Männer und Frauen in seinen Maßnahmen (un-)berücksichtigt hat, findet kaum je eine Parallele in der Geschichte unserer Streitkräfte.

Bereitschaft nimmt ab

Die Bereitschaft zur Weiterverpflichtung junger Soldaten und Soldatinnen wird sicher ebensowenig durch Art und Weise, Form und Stil dieses Vorgehens gefördert werden wie die Neigung unserer Wehrpflichtigen, sich auf Zeit an die Bundeswehr zu binden. Von der Situation der Berufssoldaten wollen wir gar nicht reden (Stichwort: Innere Kündigung).

Eine Verfahrensweise dieser Art kann man eigentlich nur als Amoklauf bezeichnen, nach dem Motto: "Augen zu und durch, koste es, was es wolle, nach mir die Sintflut." Oder: "Was schert es mich, wenn beim Nachbar das Haus brennt, Hauptsache meines bleibt heil!" Hier werden mit starr nach vorne gerichtetem Blick der Geradeaus-Marsch exerziert und die gute Arbeit, die doch noch vorhandene Motivation, das sich entwickelnde Engagement und das soziale Wohl unserer Soldaten und die Interessen der Kommunen zur Seite gedrängt.

Unsere Männer und Frauen in Uniform werden zu Nummern degradiert, die Bezeichnung "Bauer auf dem Schachbrett" ist hier schon zu hoch gegriffen. Wer hier als verantwortlicher Minister so agiert, bekommt die Soldaten mit der dienstlichen Motivation, die er für erforderlich hält bzw. sich leisten will.
Den Strukturvorschlägen in ihrer Kernabsicht stimmen wir als Soldaten nahezu einhellig zu. Es ist höchste Zeit, die Streitkräfte aus den alten Strukturen des kalten Krieges in diejenigen weiterzuentwickeln, die den Erfordernissen des neuen Jahrhunderts und den neuen Bedrohungen durch Terrorismus und Verbreitung von Atom-, Bio- und Chemiewaffen durch zahlreiche Länder gerecht werden. Aber den Menschen, den wir in dieser Uniform sehen und den man für viele Aufgaben weiterhin braucht, darf man nicht wie einen begossenen Pudel oder Leibeigenen dastehen lassen.

Fühlen sich hundeelend

Viele Soldaten hier in Bad Arolsen fühlen sich hundeelend in dieser Situation (natürlich denken wir auch an unsere Kameraden der FlaRak in Möhnesee, Leipheim, Großenkneten, Burbach, Schöneck und Eidelstedt, aber auch an die Tornado-Familie in Jever-Schortens und Eggebeck! Sicherlich sind die nicht viel anders dran als wir hier)

Der Bundesverteidigungsminister hat für alle Soldaten und Bedienstete die soziale Verantwortung, der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik. Mal sehen, was noch passiert! Soldaten können nur gehorchen ... (falsch! Sie sind auch mit dem Wahlrecht gesegnet, genauso wie die Einwohner in den Garnisonsstädten und die Familienangehörigen und die Freunde und die Zivilbediensteten und die Händler und die Gewerbetreibenden usw.)

Wir haben die Hoffnung auf Einsicht und Korrektur, mindestens Verständnis und Hilfe, aber die Befürchtung ist groß bei uns, daß man für unsere Sorgen keine Zeit, kein Gehör, kein Interesse hat.

 

 

Armin Haß

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