Dies & Das

Spannung bis zum scharfen Schuss

06.06.2008 16:22 von Jens Joel (Kommentare: 0)

Drei, zwei, eins - Treffer.

Von Bernd Saure

Drei, zwei, eins - Treffer.

Es spritzt. Oberleutnant Jörg Bode ist ins eiskalte Wasser des Feuerlöschteiches der Kaserne in Souda gefallen. Wenig später folgt ihm Oberleutnant Ralf Schmidt, der zweite Feuerleitoffizier der 1. Staffel des Flugabwehrraketengeschwaders 38. Und unter dem Gelächter der Soldaten aus Mengeringhausen fliegen auch Major Michael Riedmaier und die beiden verbleibenden Offiziere Schäfer und Hafers in hohem Bogen ins Becken.

In heiterer Atmosphäre entlädt sich bei Offizieren, Feldwebeln, Unteroffizieren und Mannschaften die Spannung, die sich beim Jahresschießen auf dem NATO-Schießplatz Namfi auf der Insel Kreta angestaut hat. Drei Tage lang haben die 43 Soldaten mächtig unter Dampf gestanden, der jetzt entweicht. Sie sind im Laufschritt über den Übungsplatz geeilt, haben ihr Waffensystem Hawk in Gefechtsstellung gebracht und dem entscheidenden Moment entgegengefiebert:dem Abschuß der Rakete.

Als Staffelchef Riedmaier vor seinem unfreiwilligen Bad vor die Truppe tritt, blickt er grimmig drein. Ernst oder Schauspiel? Rätseln alle mit einem gewissen Unbehagen. Der guten Nachricht, der Beförderung von Axel Jensen und Thomas Höling zu Feldwebeln, folgt eine noch bessere: „Das Feuerelement Alpha hat das Schießen mit 97 Prozent abgeschlossen, und Bravo hat 97 Prozent erreicht."

Grenzenloser Jubel - denn mit einem Schnitt von 96,85 Prozent hat die Crew ein Superergebnis hingelegt. Die NATO fordert für das scharfe Schießen, das neben der Überprüfung der Einsatzbereitschaft am Standort der jährliche Höhepunkt für die Einheiten ist, ein Soll von 70 Prozent. Die Ergebnisse der deutschen Staffeln haben sich aber längst bei 90 und mehr eingependelt. Wer allerdings über 95 Prozent liegt, ist Spitze.

Klar, dass dieser Erfolg gebührend gefeiert wird. Bei Willi, in einer Kneipe schräg gegenüber der Kaserne, stoßen die 38er abends mit ihren Gästen Wittekind Fürst zu Waldeck und Pyrmont, Ortsvorsteher Heinrich Graß, Oberstleutnant Gerald Rapelius und mir auf die tolle Leistung an. Bei Bier, Ouzo, griechischem Salat und Tsatsiki lässt man die Ereignisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren...

Das Abenteuer Kreta beginnt mit dem Flug von Köln-Wahn nach Souda, von wo die deutschen Minensuchboote kürzlich zu ihrem Einsatz im Persischen Golf ablegten. Als die Transall mit ohrenbetäubendem Getöse die Landebahn verlässt, heben 85 Personen und rund 50 Tonnen in die Luft ab. Es folgen sechs lange Stunden, die jeder auf seine Weise erlebt. Vorne im Laderaum treibt es den Passagieren mit hochgekrempelten Hemdsärmeln den Schweiß auf die Stirn, hinten igeln sie sich vor Kälte in die Parka ein. Wer gerade einen Sitzplatz über einem der Heizungsrohre erwischt hat, verbrennt sich fast den Allerwertesten. Eines ist allen gemeinsam: der ohrenbetäubende Lärm brummt jeden früher oder später in den Schlaf.

In Souda endlich dem Bauch der Transall entronnen machen die Soldaten gleich mit den Behörden Bekanntschaft. Ehe die gut renovierten Unterkünfte in der Kaserne bezogen werden, müssen die Angekommenen Angaben zur Person machen und erhalten einen Beleg. Des Rätsels Lösung: An diesem Sonntag ist in ganz Griechenland Volkszählung, und da die deutschen Gäste nun schon einmal da sind, werden sie kurzerhand mitgezählt.

Tags darauf wird es Ernst. Kurz nach sieben rückt die Truppe in Richtung. des Schießplatzes ab. Nach der Einfahrt in den militärischen Sicherheitsbereich noch eine Schweigeminute am Denkmal, das an die 42 Deutschen erinnert, die 1975 beim Absturz einer Transall ums Leben kamen, und dann geht es an die Arbeit.

Die Radargeräte, Feuerleitstände und Abschußvorrichtungen werden überprüft und schrittweise in Betrieb genommen.

Mit kritischen Augen wachen die Auswerter - eine Internationale Jury aus Amerikanern, Holländern und Deut­schen darüber, daß alles nach den Vor­gaben der NATO abläuft und die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden.

Für jedes safety, wie die Militärs sagen, werden, je nachdem, wie schwerwiegend der Fehler ist, Prozente vom Ausgangswert 100 abgezogen. Am ersten Tag, der fast reibungslos verläuft, verliert die 1./38 bis zum Dienstschluß um 14 Uhr nur ein Prozent.

Des Jahresschießens zweiter Teil wird dann allerdings fast zum Alptraum und gibt einen Vorgeschmack auf den entscheidenden Tag, an dem der Abschuß der Hawk erfolgt. Es treten mehrere Defekte auf; am meisten Kopfzerbrechen bereitet den Mengeringhäusern aber der streikende Waffenrechner des Feuerelements Alpha. Die Fehlersuche der Techniker, die bis in die späten Abendstunden schuften, verläuft erfolglos. Es stellt sich lediglich heraus, daß die Staffel die Schwierigkeiten mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nicht beheben kann. Über Nacht müssen griechische Fachleute ran.

Trotz Reparatur schlägt der Rechner den 38ern am dritten Tag erneut ein Schnippchen. Während eine amerikanische Einheit vormittags auf der benachbarten Schießbahn planmäßig eine Lance abfeuert, verweigert der Computer hartnäckig seine Mitarbeit. Auch eines der Radargeräte will zwischenzeitlich nicht so, wie es die Bediener gern hätten. Stunde um Stunde verinnt.

Ein kleiner Teil der Schießcrew arbeitet fieberhaft, damit der scharfe Schuß über die Bühne gehen kann. Der Rest sitzt mit den Gästen im Beobachtungsgebäude und wartet ungeduldig. Im gleichen Maße, wie die Zeit verstreicht, wächst die Nervosität. Das Lampenfieber wird verschieden unterdrückt: Die Soldaten trinken Unmengen Kaffee, lesen, plaudern mit dem Fürsten und dem Freienhagener Ortsvorsteher oder gehen ihren Part, den sie in den letzten Wochen wieder und wieder geübt haben, in Gedanken durch. Und Major Riedmaier? Er läuft vor dem Haus auf und ab, raucht eine Zigarette nach der anderen.

Waffensystem im Überblick

Wenn deutsche Soldaten des Flugabwehrraketengeschwaders 38 aus Arolsen im Einsatz sind, kommt dem Laien manches spanisch vor denn ein Großteil der Unterhaltung ist für ihn schlichtweg „Fach-Chinesisch". So tragen alle Geräte, die zum Waffensystem Hawk gehören, aufgrund ihres Einsatzes im NATO Verbund englische Namen bzw. Abkürzungen. Nachfolgend ein Überblick über die wichtigsten Teile der Ausrüstung:


  • BCC - Staffelgefechtsstand;
  • PCP - Feuerleitstand der Staffel;
  • CWAR - Radargerät, welches Flugobjekte im unteren Bereich des Luftraumes (bis 3000 Meter) erfaßt;
  • PAR - Radargerät, mit dem der mittlere Luftraum (3000 bis 11 000 Meter) überwacht wird;
  • High Power - Radargerät, das auf ein feindliches Flugobjekt aufschaltet und auf dessen Strahl die Rakete ins Ziel gelenkt wird;
  • Launcher - Startgerät zum Abschuss von maximal drei Raketen.
Wittekind Fürst zu Waldeck und Pyrmont im Gespräch mit einigen Soldaten der Mengeringhäuser Hawk-Staffel



Foto:
Wittekind Fürst zu Waldeck und Pyrmont im Gespräch mit einigen Soldaten der Mengeringhäuser Hawk-Staffel. Alle warten gespannt auf die Rückkehr von Major Riedmaier, der wenig später das hervorragende Schießergebnis verkünden wird.

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